Nur damit das vorab klar ist, der Shinkanzen gilt bzw. galt als der schnellste Zug der Welt im Normalverkehr. Nach neun Tagen Pilgerwanderung, sind wir zwei gerade die schnellsten Menschen auf dem Weg. Zumindest unter denen, die wir so treffen. Das hat zwei Gründe:
Zum einen laufen wir mittlerweile die meiste Zeit still nebeneinander. Dabei hört Sohnemann seine Musik, die ihn erstens motiviert und zweitens durch ihre Geschwindigkeit antreibt - Battlerap eben.
Zum anderen sind wir seit der 7. Etappe nicht mehr nur mit den sehr angenehmen Pilgerfreunden unterwegs. Seit Tui bzw. O Porrino sind die meisten anderen Pilger auf dem Weg ständig plärrende Großgruppen. Diese Pilger "mit leichtem Gepäck" laufen nur die letzten 100km, sie bekommen ihr Gepäck gefahren, werden zum Teil noch unterwegs versorgt. Auf dem Weg rotten sie sich scheinbar zusammen und fallen dann zum Stempelsammeln in die Cafés und teilweise die Kapellen ein. Da sie meist schon sehr früh starten - wahrscheinlich wartet auf sie am Zielort jeweils ein buntes Programm zur Entspannung - kann man kaum früher loslaufen, um ihnen zu entgehen. Läuft man zu spät los, haben sich die Großgeuppen in kleinere, aber nicht weniger laute, zerschlagen und man ist gleich vielfach genervt. Also gehen wir so gegen sieben los. Dann holen wir die Gruppen nach ca. einer halben Stunde ein. Wir lächeln fröhlich, wenn wir an ihnen vorbei ziehen. Aber im Gegensatz zu den echten Pilgern, hören diese Guido Horns des Pilgertums von uns nur ein "Ola" (Hallo). Denen zeigen wir es also. Tag für Tag.
Ich übrigens kann mittlerweile den Stöpseln in Sohnemanns Ohr richtiggehend etwas abgewinnen. Sie schenken mir die Ruhe, um in Gedanken versunken über den Weg zu trotten oder mich an vermeintlichen Kleinigkeiten zu erfreuen. Und ab und an ist aus irgendeinem Grund Redezeit. Dann wird es albern oder einer treibt den anderen an oder der Nachmittag wird schon mal vorgeplant.
Bislang ist der Weg übrigens sehr gnädig zu unserer Urlaubskasse. Also sind zweites Frühstück, Mittag und Abendessen im Café oder Restaurant obligatorisch. Wir essen selten riesige Portionen, aber dass wir erst einmal eine Rechnung von mehr als 15 Euro hatten, meist sogar unter zehn Euro bleiben, ist schon bemerkenswert. Dann darf es für eine gute Übernachtung auch mal etwas mehr Geld sein.
Apropos...
Spanien scheint hier katholisch konservativ. So sehr, dass beispielsweise die 20:00 Uhr-Messe der großen Kirche hier in unserem Etappenort Caldes de Reis den lieben Hombres/Männern vorbehalten ist. Wie das zu europäischen Gleichbehandlungsgrundsätzen passt, weiß ich ja nicht. Auch nicht, warum irgendein Katholik auf der Welt über die Geschlechtertrennung im Islam schimpft, wenn seine/ihre Kirche auch... Egal, ich habe vielleicht zum Glauben gefunden, aber ganz bestimmt nicht zur Kirche. Schon gar nicht zu so einer.
Wirklich bemerkenswert ist in diesem katholischen Fleckchen der Welt jedoch unsere heutige Unterkunft. Sie ist zu gleichen Teilen Unterkunft für Pilger und Stundenhotel. Auf booking.com übrigens durchaus gut bewertet. Vielleicht hatte ja so mancher enthaltsame Pilger hier schon seinen Spaß. Für uns aber fühlt es sich befremdlich an, wenn man Zutritt nur durch ein fernbedientes Tor nach Betätigen der Sprechanlage erhalten kann, wenn Zimmer so klangvolle Namen wie Playboy, Grey oder Casino tragen. Wenn zwischen Schlafzimmer und Bad eine Glasscheibe mit Frauenbild is in eindeutiger Pose Durchblicke gewährt. Und wenn vor dem eigenen Zimmer ein Versorgungsgang verläuft, der zu jeder Zimmertür hin eine Klappe birgt.
Da wir als Vater und Sohn angemeldet waren, hätten sie wenigstens die Kondome im Bad weglassen können und uns vielleicht ein Zimmer geben, in dem nicht nebenan ab 16 Uhr fröhlich und laut der Lust gefröhnt wird. Andererseits hat man so auch etwas zu berichten. Und nach neun Tagen pilgern hat sich zudem eine Gelassenheit breit gemacht, die so etwas gut übergehen kann.
Wirklich entscheidend ist nicht das Ziel, sondern was der Weg mit und aus dir macht. Diesen irgendwo aufgefangenen Spruch mag ich mittlerweile sehr. Und er gilt wohl fur den gesamten Caminho ebenso wie für den einzelnen Tag. Morgen geht es auf die vorletzte Etappe - nach Padron.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen