Es lässt sich gar nicht so richtig in glaubhafte Worte fassen. Der Blogeintrag muss schon allein aus diesem Grund darauf warten, mitten in der Nacht getätigt zu werden...
Die heutige Etappe erzeugt Worte in den eigenen Gedanken, die für sich genommen fast schon gewaltig klingen: Besinnung, Resümee, Reminiszenz, Elektrisierung, Glaube, Abschied,...
Und dennoch ist diese zehnte Etappe von Leichtigkeit geprägt. Leichtigkeit und Entschleunigung. Wir merken die Rucksäcke nicht mehr, trotzdem sie mit dem einen oder anderen kleinen Mitbringsel gefüllt sind und zu Beginn der Etappe auch noch volle Flaschen beinhalten. Die Füsse tun kaum noch weh beim Gehen. Das morgendliche Losgehen ist eingespielt, nach kurzer Suche sind wir auf dem Camino, überholen die Pilger-Touris und finden dann zu unserem eigenen Tempo. Heute etwas langsamer, ohne dass wir dies bewusst täten. Aber die wundervolle Landschaft, die heute sehr abwechslungsreiche und leichte Wegführung und nicht zuletzt das Wissen um unsere Annäherung an das Ziel geben einen ruhigeren Schritt vor.
Unterwegs treffen wir so viele der uns mittlerweile vertrauten Menschen wieder. Die Zwischenstopps verlängern sich entsprechend, man genießt das Beisammensein. Cafe americano ist längst zum Standardgetränk geworden, Sohnemann hat sich auf Eistee und Kakao festgelegt. Und nach den Stopps geht es wieder auf den Weg.
Schweigend über weite Teile. Tatsächlich dringt selbst aus den mit dem Handy verbundenen Kopfhörern meines Sohnes heute nicht leise seine Musik. Stattdessen hört er sich über Stunden die Geschichte "Bob dem Streuner", einem ehemals Drogenabhängigen der dank der Freundschaft zu einer Katze zu sich findet, an. Ab und an reden wir über den Weg, über unsere Pilgerfreunde oder unser Tempo. Die Herberge der letzten Nacht ist kein Thema mehr.
Und dann ist wieder Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über jene herausfordernde Etappe, die zwischendurch unschaffbar schien und diesen Moment des Beschenktwerdens enthielt. Vom Gipfel des an diesem Tag bezwungenen Berges habe ich einen kleinen Stein mitgenommen. Der wird mich an diesen Tag erinnern. Die großartigen Menschen sind auf einmal alle präsent. Steffi, Patrizia, Guido, Pia, Cathleen (die vielleicht ja Kathleen heißt), die uns nach einem gemeinsamen Abend in einer Casa in Valinhas immer wieder über den Weg laufen, die wir zwischendurch verloren zu haben glauben und uns über ein Zusammenfinden so sehr freuen. Helmut, der seine wundervolle Unterkunft in Rubiäes betreibt, vor allem zuhören und inspirieren kann und die so nachhaltig wirkenden Erfahrungen einer Pilgerfreundin berichtet. Das Kleinteam, von dem wir immer noch nicht wissen, ob Oma und Enkel oder Mutter und Kind pilgern. Jene ältere Dame, die uns seit Arkonde immer wieder an Aufstiegen begegnet und als einzige meinen Sohn fragt, wie ihm das Pilgern denn gefällt. Sie gibt ihm den Raum für das Aussprechen der Freude am gemeinsamen Gehen. Und da sind die vielen hier lebenden Menschen, die uns Pilger mit so viel Offenheit und Herzlichkeit begegnen.
"Obrigado!" - Danke. Auch das ist etwas, das bleibt.
Und schließlich bleibt das Gefühl, in allen Dingen die richtigen Begegnungen gehabt zu haben: zwischen Vater und Sohn, mit anderen Menschen, mit den eigenen Grenzen und mit der richtigen Kraftquelle. Vor allem aber bleibt das Gefühl, mir selbst begegnet zu sein.
Morgen warten noch etwas mehr als 20km auf uns. Und dann Gesang? Oder das Gefühl, mitgenommen zu werden? So oder so war es ein guter Weg.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen