Freitag, 14. Juli 2017

Etappe 11 - Ankommen in Santiago

Das Ziel des heutigen Tages ist Ankommen in Santiago. Der Weg dahin ist gar nicht mehr so besinnlich. Viele große Straßen, wenig Grün rechts und links und wenige Cafés.

Aber so richtig braucht es einer schönen Landschaft heute auch nicht. Die Gedanken sind sowieso schon am Ziel. Also laufen wir wieder mit unglaublicher Geschwindigkeit. Die ersten elf Kilometer sind in zwei Stunden geschafft. Danach wird es ein bisschen langsamer.
Gegen Mittag erreichen wir den "magischen" Stein,, ab dem es weniger als 10km bis zur Kathedrale sind. Ab da ist Gänsehaut...
Als wir endlich in Santiago de Compostela sind, ist das Gefühl überwältigend. Unglaublich, was wir geschafft haben! Unglaublich, wie leicht es am Ende doch gu ertragen war. Und wir sind nicht allein. Überall lachende, jubelnde und Freudentränen wischende Menschen. Zum Glück läuft Sohnemann hinter mir. In meinem Kopf ist nur Platz für ein Wort: "Danke!"
Danke an Milla und meinen Schatz Elisabeth, die mich haben gehen lassen! Danke an Djangos Mama, die ihm das Mitkommen ermöglicht hat. Danke an die vielen lieben unterwegs, die uns den Weg haben schaffen lassen und so herzlich waren: Helmut und Waltraud im ganz besonderen! Und vor allem ein Dankeschön und lieben Gruß an Steffi, Patrizia, Guido, Pia und Cathleen! Ihr wart großartige und inspirierende Begleiter unseres Weges!
Die Messe in der Kathedrale sollte der krönende Abschluss unseres Weges werden. Schlussendlich war es aber das Beisammensitzen mit unseren Pilgerfreunden nach der Messe - mit Wein aus Pappbechern - abseits des Pilgertrubels.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Etappe 10 - Besinnung

Es lässt sich gar nicht so richtig in glaubhafte Worte fassen. Der Blogeintrag muss schon allein aus diesem Grund darauf warten, mitten in der Nacht getätigt zu werden...
Die heutige Etappe erzeugt Worte in den eigenen Gedanken, die für sich genommen fast schon gewaltig klingen: Besinnung, Resümee, Reminiszenz, Elektrisierung, Glaube, Abschied,...
Und dennoch ist diese zehnte Etappe von Leichtigkeit geprägt. Leichtigkeit und Entschleunigung. Wir merken die Rucksäcke nicht mehr, trotzdem sie mit dem einen oder anderen kleinen Mitbringsel gefüllt sind und zu Beginn der Etappe auch noch volle Flaschen beinhalten. Die Füsse tun kaum noch weh beim Gehen. Das morgendliche Losgehen ist eingespielt, nach kurzer Suche sind wir auf dem Camino, überholen die Pilger-Touris und finden dann zu unserem eigenen Tempo. Heute etwas langsamer, ohne dass wir dies bewusst täten. Aber die wundervolle Landschaft, die heute sehr abwechslungsreiche und leichte Wegführung und nicht zuletzt das Wissen um unsere Annäherung an das Ziel geben einen ruhigeren Schritt vor.
Unterwegs treffen wir so viele der uns mittlerweile vertrauten Menschen wieder. Die Zwischenstopps verlängern sich entsprechend, man genießt das Beisammensein. Cafe americano ist längst zum Standardgetränk geworden, Sohnemann hat sich auf Eistee und Kakao festgelegt. Und nach den Stopps geht es wieder auf den Weg.

Schweigend über weite Teile. Tatsächlich dringt selbst aus den mit dem Handy verbundenen Kopfhörern meines Sohnes heute nicht leise seine Musik. Stattdessen hört er sich über Stunden die Geschichte "Bob dem Streuner", einem ehemals Drogenabhängigen der dank der Freundschaft zu einer Katze zu sich findet, an. Ab und an reden wir über den Weg, über unsere Pilgerfreunde oder unser Tempo. Die Herberge der letzten Nacht ist kein Thema mehr.
Und dann ist wieder Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über jene herausfordernde Etappe, die zwischendurch unschaffbar schien und diesen Moment des Beschenktwerdens enthielt. Vom Gipfel des an diesem Tag bezwungenen Berges habe ich einen kleinen Stein mitgenommen. Der wird mich an diesen Tag erinnern. Die großartigen Menschen sind auf einmal alle präsent. Steffi, Patrizia, Guido, Pia, Cathleen (die vielleicht ja Kathleen heißt), die uns nach einem gemeinsamen Abend in einer Casa in Valinhas immer wieder über den Weg laufen, die wir zwischendurch verloren zu haben glauben und uns über ein Zusammenfinden so sehr freuen. Helmut, der seine wundervolle Unterkunft in Rubiäes betreibt, vor allem zuhören und inspirieren kann und die so nachhaltig wirkenden Erfahrungen einer Pilgerfreundin berichtet. Das Kleinteam, von dem wir immer noch nicht wissen, ob Oma und Enkel oder Mutter und Kind pilgern. Jene ältere Dame, die uns seit Arkonde immer wieder an Aufstiegen begegnet und als einzige meinen Sohn fragt, wie ihm das Pilgern denn gefällt. Sie gibt ihm den Raum für das Aussprechen der Freude am gemeinsamen Gehen. Und da sind die vielen hier lebenden Menschen, die uns Pilger mit so viel Offenheit und Herzlichkeit begegnen.
"Obrigado!" - Danke. Auch das ist etwas, das bleibt.
Und schließlich bleibt das Gefühl, in allen Dingen die richtigen Begegnungen gehabt zu haben: zwischen Vater und Sohn, mit anderen Menschen, mit den eigenen Grenzen und mit der richtigen Kraftquelle. Vor allem aber bleibt das Gefühl, mir selbst begegnet zu sein.
Morgen warten noch etwas mehr als 20km auf uns. Und dann Gesang? Oder das Gefühl, mitgenommen zu werden? So oder so war es ein guter Weg.

Dienstag, 11. Juli 2017

Etappe 9 - der Shinkanzen unter den Pilgern

Nur damit das vorab klar ist, der Shinkanzen gilt bzw. galt als der schnellste Zug der Welt im Normalverkehr. Nach neun Tagen Pilgerwanderung, sind wir zwei gerade die schnellsten Menschen auf dem Weg. Zumindest unter denen, die wir so treffen. Das hat zwei Gründe:
Zum einen laufen wir mittlerweile die meiste Zeit still nebeneinander. Dabei hört Sohnemann seine Musik, die ihn erstens motiviert und zweitens durch ihre Geschwindigkeit antreibt - Battlerap eben.
Zum anderen sind wir seit der 7. Etappe nicht mehr nur mit den sehr angenehmen Pilgerfreunden unterwegs. Seit Tui bzw. O Porrino sind die meisten anderen Pilger auf dem Weg ständig plärrende Großgruppen. Diese Pilger "mit leichtem Gepäck" laufen nur die letzten 100km, sie bekommen ihr Gepäck gefahren, werden zum Teil noch unterwegs versorgt. Auf dem Weg rotten sie sich scheinbar zusammen und fallen dann zum Stempelsammeln in die Cafés und teilweise die Kapellen ein. Da sie meist schon sehr früh starten - wahrscheinlich wartet auf sie am Zielort jeweils ein buntes Programm zur Entspannung - kann man kaum früher loslaufen, um ihnen zu entgehen. Läuft man zu spät los, haben sich die Großgeuppen in kleinere, aber nicht weniger laute, zerschlagen und man ist gleich vielfach genervt. Also gehen wir so gegen sieben los. Dann holen wir die Gruppen nach ca. einer halben Stunde ein. Wir lächeln fröhlich, wenn wir an ihnen vorbei ziehen. Aber im Gegensatz zu den echten Pilgern, hören diese Guido Horns des Pilgertums von uns nur ein "Ola" (Hallo). Denen zeigen wir es also. Tag für Tag.

Ich übrigens kann mittlerweile den Stöpseln in Sohnemanns Ohr richtiggehend etwas abgewinnen. Sie schenken mir die Ruhe, um in Gedanken versunken über den Weg zu trotten oder mich an vermeintlichen Kleinigkeiten zu erfreuen. Und ab und an ist aus irgendeinem Grund Redezeit. Dann wird es albern oder einer treibt den anderen an oder der Nachmittag wird schon mal vorgeplant.

Bislang ist der Weg übrigens sehr gnädig zu unserer Urlaubskasse. Also sind zweites Frühstück, Mittag und Abendessen im Café oder Restaurant obligatorisch. Wir essen selten riesige Portionen, aber dass wir erst einmal eine Rechnung von mehr als 15 Euro hatten, meist sogar unter zehn Euro bleiben, ist schon bemerkenswert. Dann darf es für eine gute Übernachtung auch mal etwas mehr Geld sein.
Apropos...
Spanien scheint hier katholisch konservativ. So sehr, dass beispielsweise die 20:00 Uhr-Messe der großen Kirche hier in unserem Etappenort Caldes de Reis den lieben Hombres/Männern vorbehalten ist. Wie das zu europäischen Gleichbehandlungsgrundsätzen passt, weiß ich ja nicht. Auch nicht, warum irgendein Katholik auf der Welt über die Geschlechtertrennung im Islam schimpft, wenn seine/ihre Kirche auch... Egal, ich habe vielleicht zum Glauben gefunden, aber ganz bestimmt nicht zur Kirche. Schon gar nicht zu so einer.





Wirklich bemerkenswert ist in diesem katholischen Fleckchen der Welt jedoch unsere heutige Unterkunft. Sie ist zu gleichen Teilen Unterkunft für Pilger und Stundenhotel. Auf booking.com übrigens durchaus gut bewertet. Vielleicht hatte ja so mancher enthaltsame Pilger hier schon seinen Spaß. Für uns aber fühlt es sich befremdlich an, wenn man Zutritt nur durch ein fernbedientes Tor nach Betätigen der Sprechanlage erhalten kann, wenn Zimmer so klangvolle Namen wie Playboy, Grey oder Casino tragen. Wenn zwischen Schlafzimmer und Bad eine Glasscheibe mit Frauenbild is in eindeutiger Pose Durchblicke gewährt. Und wenn vor dem eigenen Zimmer ein Versorgungsgang verläuft, der zu jeder Zimmertür hin eine Klappe birgt.
Da wir als Vater und Sohn angemeldet waren, hätten sie wenigstens die Kondome im Bad weglassen können und uns vielleicht ein Zimmer geben, in dem nicht nebenan ab 16 Uhr fröhlich und laut der Lust gefröhnt wird. Andererseits hat man so auch etwas zu berichten. Und nach neun Tagen pilgern hat sich zudem eine Gelassenheit breit gemacht, die so etwas gut übergehen kann.
Wirklich entscheidend ist nicht das Ziel, sondern was der Weg mit und aus dir macht. Diesen irgendwo aufgefangenen Spruch mag ich mittlerweile sehr. Und er gilt wohl fur den gesamten Caminho ebenso wie für den einzelnen Tag. Morgen geht es auf die vorletzte Etappe - nach Padron.

Montag, 10. Juli 2017

Etappe 8 - Prüfung

Nach den doch erfolgreichen Etappen der vergangenen Tage fühle ich mich heute geprüft. Kraft und Durchhaltevermögen kommen bislang aus dem Innehalten und dem Glauben daran, nicht ohne Begleitung zu sein. Sich das bewusst zu machen, hilft, wenn es mal schwierig ist.
Heute nun holt mich der Schmerz des rechten Knies ein. Nach einem furiosen Start bergan macht sich am ersten Abstieg auf einmal einmal ein stechender Schmerz breit. Der geht auch nicht mehr weg bis ins Ziel und lässt unterwegs die Frage aufkommen, ob Aufgeben eine Option ist.
Ist es nicht. Aber es braucht einen guten Moment bis das in mir geklärt ist.
Über neue Kraft und ein dann erträgliches Maß an Schmerzen bin ich heute dankbar.

 
Pontevedra, unser heutiger Zielort, ist eine recht schöne alte Stadt. Unsere Pension ist einfach aber sehr interessant. Hier schläft es sich bestimmt super.
Und auf der Suche nach einem Eiscafé begegnen uns erst Patrizia und ihr Guido und später Steffi. Deren Zimmersuche gestaltete sich ein wenig schwieriger, am Ende aber ist sie doch fündig geworden und hat danach Zeit, mit uns in Ruhe einen Kaffee zu trinken.

Sonntag, 9. Juli 2017

Etappe 7 - zurück an den Ozean

Morgens kurz vor sieben starten wir. Diesmal also früher als sonst. Und das hat einen Grund: wir haben heute 35km vor uns, von Tui nach Arcade.
Der Start holpert ein wenig. Pilgertouristen in großen Gruppen okkupieren - laut grölend - die beiden offenen Bäckereien in Tui. Also gehen wir los, ohne gefrühstückt zu haben. Erst nach 5km finden wir ein Frühstück, das dafür aber um so besser ist. In einem kleinen Dorf hat jemand seinen Garten zur Pilgereinkehr hergerichtet. Der Kaffee schmeckt lecker, die Milch ist heiß, es werden sehr herzliche Worte getauscht. Alles im kleinen Rahmen, irgendwie authentisch und gemacht für die "echten" Pilger. Wer weiß ob die Pilgergroßgruppen hier überhaupt vorbei geführt werden.




Wir treffen Mutter und Sohn aus Trier bei dieser ersten Rast. Der Junge ist seit vier Tagen zwölf und sichtbar stolz darauf, mit Mama pilgern zu sein. Das ist bei uns auch so, wie Sohnemanns Blick verrät.
Gestärkt nach diesem wunderbaren Frühstück geht es bald weiter. Am Ausgang des Gartens liegt noch das Gästebuch. "Thank you for coffee and smile early in the sunday morning!". Zu mehr reicht mein etwas verstaubtes Schulenglisch nicht. Aber irgendein Dankeschön wollte ich da lassen.
Nach einigen Kilometern erreichen wir ein Naturschutzgebiete. Wie im Urwald fühlt es sich hier an. Und mit vollem Bauch und viel Optimismus lässt sich dieser Ort so sehr genießen, dass unser Schritt für eine Weile deutlich langsamer wird.
Ab da werden Kilometer gemacht. Unser Tempo ist so unglaublich hoch, dass wir irgendwann scheinbar allein auf der Strecke sind. Später am Tag fordert der Körper dafür seinen Tribut. Auf den letzten Kilometern schmerzt das rechte Knie wie die Hölle. Aber dafür kommen wir gut voran.
Durch O Porrino und Redondela führt unser Weg heute. Beide Orte sind wirklich nicht schön. Aber was soll's. Wir wollen hier ja nicht wohnen, sondern nur unseren Weg finden.
Nach Redondela wird es wieder schöner. Zwischen Feldern und an Waldrändern entlang geht es nach Arcade. Wir treffen zwischendurch Patrizia und ihren Mann Guido. Mit beiden haben wir bereits den Abend in Varinhas verbracht. Jetzt laufen wir ein Stück gemeinsam und bemerken dann, dass wir im selben Hotel gebucht haben.

Einem schönen Abend steht also nichts im Weg. Und ich erinnere mich an Guidos Spruch: "Kein Caminho ohne vinho!". 😃

Samstag, 8. Juli 2017

Etappe 6 - Viva Espana

Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Erdbeerkonfitüre daraus.
Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Aber es wird sich ein Weg finden. Wie es gehen soll, zu Fuß 130 km durch Portugal zu laufen, war irgendwie auch nicht vorstellbar. Und jetzt ist es geschafft. Am frühen Nachmittag ging es über die Brücke von Valenca nach Tui und damit von Portugal nach Spanien. Wir haben die Hälfte unseres Weges geschafft und haben nach der anstrengenden Bergetappe gestern heute relativ entspannt unserem Ziel entgegen gesehen.
Eine ganze Weile geht es von Dorf zu Dorf. Die Leute grüßen vom Traktor, aus dem Auto, von hinterm Gartenzaun. Der Weg ist über zwei Stunden fast unverändert, rechts und links stehen Mauern, dahinter wahlweise Wein, Mais oder Sträucher. Ab und an mal eine Ansammlung von Häusern. Nach gut einer Stunde das erste Café. Und selbstverständlich treffen wir hier all jene wieder, die gestern an den Bergen nach Rubiäes mit uns gegen den Anstieg "gekämpft" haben. Und jene, denen wir abends im Restaurant begegnet sind. Ein freundliches Nicken, eine kurze Nachfrage und nach einem Cafe americano dann das liebgewordene "bom caminho!". Dann geht es wieder auf den Weg.
 

Wie absichtsvoll dahingestellt wirkt ein klitzekleines Stück Grün am Wegesrand. Gerade als mir der heute recht stille Weg langweilig werden will, schaue ich an einer Brücke nach links und sehe im Glitzern des Bachs eine wunderschön grün-orangene Pflanze stehen. Zwei glitzernd blaue Schmetterlinge tanzen um die Blüten herum und fast scheint es, als könne man eine leise Sommermelodie hören bei diesem Schauspiel. Wie aus einem Feenfilm oder wie ein Ausschnitt aus dem Paradies. "Schau genau hin, suche die kleinen wunderbaren Momente rechts und links deines Weges - es lohnt sich." Etwas in der Art scheint dieser Moment mir sagen zu wollen. Ich nehme ihn mir mit als eines meiner Lieblingsbilder von heute.
Morgen wird es in Spanien weitergehen, wahrscheinlich mit einer anspruchsvoll langen Wtappe. Hoffentlich wird es nicht zu heiß.

Freitag, 7. Juli 2017

Etappe 5 - Ponte de Lima bis Rubiäes

"Danke, dass du mir die Kraft gibst, diesen Weg zu gehen!"
Diesen Satz habe ich ein paarmal im Kopf auf der heutigen Etappe. Noch am Vorabend sind wir am Scherzen darüber, dass die hohen Berge am anderen Ufer die Wege-Markierer einladen müssten, gelbe Pfeile direkt bis zum Gipfel zu zeichnen. Am Ende des heutigen Tages wissen wir, dass sie genau das getan haben. Und nicht einfach so bergan, sondern durch steile Hohlen - solche, in denen man mit den Händen den Boden vor sich berührt, während die Füße versuchen, Höhenmeter zu überwinden. Viermal wiederholt sich diese Übung insgesamt, jeweils fur einige hundert Meter. Dann ein Waldweg, eine Kurve und der nächste Aufstieg.
Am Ende jedes Anstiegs findet sich ein Platz, an dem Pilger Steine aufstapeln. Um ein Kreuz oder auf einem Felsen, Stein auf Stein oder versehen mit bunten Bändchen, Segenswünschen auf kleinen Zetteln oder Danksagungen an Verstorbene.
Nach der Erfahrung dieser Aufstiege verwundert es mich nicht, dass Menschen hier ganz bei sich sind, bei ihren Lieben und beim Nachdenken darüber, wer und was ihnen Kraft verleiht. Auf diesem Weg wächst Glauben. Und niemand zwängt dir auf, woran du glauben sollst. Ich für mich jedenfalls weiß es heute Abend ein bisschen mehr.



 
Angekommen in Rubiäes stellen wir fest, dass das Dasein als Pilger auch Momente von Dekadenz aufweisen kann. Pool, Zimmer mit eigenem Bad und Doppeldusche, ein Weinregal und die Tatsache, dass der Wirt des einzigen Restaurants im Ort uns mit dem Auto abholt und später wieder zur Unterkunft fährt, fühlen sich fast unwirklich an. Aber au verdient.
Schließlich sehen wir noch einige unserer Mitpilger vom Vortag wieder. Und nachdem wir zweimal gefragt werden, ob wir DAS Vater-Sohn-Duo seien, ist klar, dass der Weg zusammenführt, man voneinander weiß auch ohne sich getroffen zu haben.
So erfahren wir in der Unterkunft dass Steffi hier gestern Abend angekommen und heute weiter gegangen ist. Sie war gestern morgens mit uns gestartet und sozusagen den doppelten Weg gegangen. Wir waren ein wenig in Sorge, ob sie das bei dem schlechten Wetter gestern geschafft haben könnte. Und es beruhigt, dies jetzt sicher zu wissen.
Glauben mag keine Berge versetzen. Sie zu überwinden hilft er aber in jedem Fall.


Donnerstag, 6. Juli 2017

Etappe 4 - Aushalten können

Ein wenig fällt es schwer, sich heute morgen auf den Weg zu machen. Die Begegnungen des Vorabends hatten unsere Casa zu einem schon fast vertraut wirkenden Ort gemacht. Der Tag sollte später jedoch zeigen, dass der morgendliche Aufbruch gar kein so richtiger Abschied sein sollte. Zumindest Pia und Cathleen scheinen in etwa in unserem Tempo unterwegs zu sein, sodass wir sie zur zweiten Rast das erste mal wiedersehen und sich das später noch zweimal wiederholt.
Im Übrigen erleben wir heute, dass wir tatsächlich in Gemeinschaft pilgern. Aus irgendeinem Grund treffen wir heute so viele Mitpilger, dass es zwischenzeitlich regelrecht eng wird auf dem Waldweg. Und auch wenn diese Menschen fremd sind, erscheinen sie beim gemeinsamen Laufen doch wie Freunde. Schließlich folgen wir demselben Weg, werden von den Bewohnern der Dörfer hier alle - mal mehr mal weniger euphorisch - gegrüßt und kehren alle in den gleichen Cafés am Wegesrand ein!
Der Weg an sich unterscheidet sich von den Vortagen. Romantische kleine Gassen, endlos erscheinende Weinberge, die eigentlich keine Berge sind, dazwischen kleine Kapellen an gefühlt jeder Kreuzung, wildromantische Waldwege und schließlich ein Dorf wie aus dem Bilderbuch nach dem nächsten.
Mein Thema des Tages ist "Aushalten". Aushalten, dass der erwachsene Vater am Morgen natürlich mit mehr Weitblick packt. Aushalten, dass es das erste mal auf unserer Pilgertour regnet. Aushalten, dass Sohnemann zwischendurch die so wunderbar erscheinende Stille immer mal wieder durch das Zitieren einer "Line" - also eines Reims aus einem HipHop-Songs - unterbrechen muss. Aushalten, dass zwölf Kilometer ganz schön kurz sind und man allein eigentlich noch viel weiter hätte gehen können. Schließlich aber auch Aushalten, dass all das ziemlich kurz gedachte Kategorien sind, in denen man sich da schnell verfängt. Eigentlich nämlich ist es ziemlich super, dass man als Vater einen Sohn hat, der mitten in einem Alter, in dem andere von PC, Playstation und Co. nicht loszueisen sind, auf die Idee kommt Wandern zu gehen und sich dabei so tapfer schlägt.
Manchmal braucht es auch die anderen, die dir in zwei kurzen Sätzen sagen, worauf du stolz sein solltest. Heute waren das die Bedienung im Frühstückscafé, jene im Mittagsimbiss und die Rezeptionistin im Hotel. "Which is his age? What, 14 years? Wow!" Stimmt, darauf kann man stolz sein als Vater.

Ponte de Lima - unser heutiges Pilgerziel - ist eine größere Stadt. Lauter als alles gestern, aber wiederum ziemlich romantisch an einem Fluss, dem Rio Lima, gelegen.
Im abendlichen Regen betrachtet, ist es trotzdem gar nicht mal so toll hier. Vielleicht ist die Stille des Tages dann doch das angenehmere Gefühl. Die Leute vom Old Village Hostel reißen das aber alles raus mit ihrer unglaublich netten Art. Klar, wir sind in Portugal. Wir sind am Caminho. Hier ist man eben so...

Mittwoch, 5. Juli 2017

Etappe 3 - Mittag im Dorf

Der dritte Tag sollte entspannter werden. Die Blasen waren am Abend und morgens gut behandelt, die Route ein wenig verkürzt, die Nacht im Studio hatte für entspannten Schlaf gesorgt und das liebevoll hergerichtete Frühstück gab Kraft für einen guten Start in den Tag. Am Ende des Pilgertages sind die Akkus mal wieder leer, die Strecke war dann doch mit 23km vier länger als gedacht und die Steigungen nach der gestrigen Flachetappe extrem. Aber es ist geschafft. Und ein wenig Stolz macht sich deswegen breit.
Von Barcelos ging es schon um 7:45 Uhr los. Wir waren uns nach der anstrengenden zweiten Etappe nicht sicher, wie schnell unsere Füße uns heute tragen würden und wie viele Pausen wir bräuchten. Bereits gegen vier Uhr morgens lieferten sich vor dem offenen Fenster unseres Studios ein Hahn und ein Hund einen lautstarken Sangeswettstreit. Man hätte ahnen müssen, dass dies ein Omen für den Tag ist. Im Gegensatz zu gestern - wir liefen durch Gegenden mit wirklich großen schicken Häusern - wurde es heute eher dörflich. Und in jedem einzelnen Dorf begrüßte uns ein Hahn lauthals.
Ganz ins Dorfleben konnten wir dann auch zum Mittagessen eintauchen. Sohnemann war nach gut 10km auf einmal ganz auf nächstes Restaurant finden geeicht. Und dank der modernen Technik heutzutage war dieses in gut 600m ausfindig gemacht. Nur eben 600m neben dem gelbpfeiligen Weg, unserem Weg. Die Schritte wurden immer schneller, sogar bergan. Endlich angekommen führte sein Weg direkt auf die Toilette. Daher also die Eile. 😃
Beschert hat uns dieses Bedürfnis jedoch einen Abstecher in ein Dorfrestaurant. Vorsuppe, Salat, Hauptgericht, Obstsalat und Getränk für unglaubliche 6,- Euro. Das Essen war 4 Minuten nach dem Bestellen da. Ganz offensichtlich zudem auf die Bedürfnisse der arbeitenden Dorfbevölkerung ausgerichtet, die sich quasi direkt nach unserem Ankommen auch einfand. Pärchen, die ganz verliebt ihr Mittag aßen, wie sie es schon seit 70 Jahren zu tun schienen, der Maler bunt gefleckt in seiner Pause, die junge Familie mit Baby. Und mittendrin wir bei einer Auswahl an Fleischsorten an Reis mit Pommes als Gemüsebeilage. Unglaublich.
Danach ging es motiviert weiter und endlich trafen wir unterwegs mal andere Pilger. Mit denen teilen wir jetzt die Herberge. Und so schließt der dritte Tag mit einem gemeinsamen Abendessen mit Menschen aus Irland und Deutschland, die wir bis gerade eben noch nicht kannten, die nach diesem Abend beim gemeinsamen Essen aber schon so vertraut scheinen.
Was für ein anstrengend schöner Tag!


Dienstag, 4. Juli 2017

Etappe 2 - Doppelsockenstrategie

Das waren 28 Kilometer. Bei zwischenzeitlich 27 Grad, fast immer in der Sonne. Höchste Erhebung 200m bei Starthöhe 5m ü.n.N. - höchster Anstieg 43m. Laufzeit inklusive Pausen 8:24 Stunden.
Wirklich gut, wenn man zu zweit läuft. So ist einer im in der Lage, den anderen zu motivieren, der vielleicht gerade am Ende seiner gefühlten Kraftreserven ist. Die letzten zwei Kilometer waren dann wirklich nur noch Schleppen - und Meter zählen.
Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen kann, beim normalen Laufen an seine Grenzen zu kommen. Oder in deren Nähe. Wenn man zum Beispiel auf einem halbmeterbreiten Bürgersteig eine Stunde lang an einer vielbefahrenen Landstraße läuft und ein Laster nach dem nächsten an einem vorbei rast. Oder wenn nach 20km das Wasser alle ist und man im Nirgendwo stehend merkt, dass man so schnell kein neues bekommt. Oder wenn die gerade abgeklebte Blase am Fuss nach einer Viertelstunde doppelt groß zu Schmerzen beginnt.
Dagegen übrigens soll die Doppelsocken-Strategie helfen. Zwei Socken übereinander gezogen reiben demnach gegeneinander und entsprechend nicht an der Haut. Was auch passt. Ausser an den Fußsohlen. Und die laufen sich jetzt wie auf dem Tartan-Untergrund eines Kinderspielplatzes. Nur eben dass das angenehme Gefühl auf dicken Blasen beruht, die irgendwann zu Schmerzen beginnen. Oder aber man sticht... Aber lassen wir das. 😃
Im Gegenzug zu alledem gibt es großartige Erfahrungen. Zum Beispiel, dass man sich über 8 Stunden lang zwischen Vater und Sohn unterhalten kann. Oder das Treffen von wirklich netten Leuten. Wie zum Beispiel von Antonio, dem Wirt des Restaurants Pedro Furada in Pedro Furada, der vor allem für den Sohnemann mehr als ein Schulterklopfen übrig hatte.
Ab Rates schließlich trafen wir gar einige andere Pilger/innen. Lachende, streitende, schweigende. Die meisten jedoch in kleinen Gruppen bzw. zu zweit. Wir scheinen es also so zu tun, wie die meisten hier auf dem Weg. Zusammen geht es (sich) besser!
Und als Belohnung ist dann das - nicht ganz pilgermäßige - Unterkommen im Gästezimmer mit eigenem Bad und eigener Küche der gerechte Lohn.

Montag, 3. Juli 2017



Schön, wenn man wenigstens nicht allein leidet. Der Blick zum Nachbarplatz verriet, dass auch Sohnemann nicht unbedingt flugbegeistert ist.Immerhin aber war das Wetter toll, Turbulenzen gab es höchstens bei der Sitzplatzvergabe, nicht jedoch während des Fluges. Und so landeten wir pünktlich in Porto.

Die Hoffnung auf Frischluft jedoch war eine vergebliche. Gefühlt hundert Grad ließen den Asphalt des Flughafens flimmern. Real sollen es wohl 32 gewesen sein. Von einem Moment auf den anderen jedenfalls waren wir wieder mitten im Sommer.
Und bepackt mit Rucksack gingen wir die ersten Meter unseres Weges. Freundliche Menschen wiesen uns den Weg - zum Teil sogar ungefragt. Und so war die Kathedrale von Porto schnell gefunden.
Um den ersten Stempel zu bitten, fühlt sich doch etwas komisch an. Aber ihn dann im eigenen Pilgerpass zu sehen, macht ungemein stolz. Nun haben wir es also geschafft. Jetzt sind wir unterwegs und werden alle Hürden überwinden!
Der Tag endete in einem tollen kleinen Vintage-Hotel. Nach einer kleinen Führung durchs Haus bot man uns sogar an, uns aus den Zutaten des morgigen Frühstücks ein Abendessen zu machen.
Sind schon großartige Menschen, diese Portugiesen!

Sonntag, 2. Juli 2017

Sind wir dann wirklich!

Heute um sieben Uhr morgens begann endlich das große Abenteuer. Mit dem Zug nach Köln, von dort mit dem Flieger nach Porto, dort zur Kathedrale und dann auf nach Vila so Conde.
Es ist alles gut vorbereitet und dennoch ist fast nichts geplant. Alles so, wie es zum Pilgern eben sein soll.
Ein wenig schwer fiel der Abschied von den Lieben zu Hause. Aber das gute Gefühl, dass sie irgendwie doch mit dabei sind, reist mit.

Auf geht's also...

dieser Lilienthal

Wer war eigentlich dieser Lilienthal? Und wie ist der ausgerechnet darauf gekommen, das Fliegen zu erfinden?
Aus freien Stücken und ohne Not würde ich jede andere Fortbewegungsart dem Abheben in einem Flugzeug vorziehen. Allein die Aussicht darauf, dann auf dem Weg sein zu können, ließ mich den Mut aufbringen, Tickets für Hin- und Rückflug zu buchen. Und die Aussicht auf's gemeinsame Gehen überwiegt im Moment die Angst vorm Fliegen.
Immerhin kommen wir so für einen Moment "ihm" ein wenig näher.
Aber trotzdem, mein Held wird dieser Lilienthal nicht. Hätte er das Beamen erfunden - seine Chancen wären unendlich größer.

Aufregungsbarometer

Vielleicht ist es ja doch noch ein wenig spannender, dass ich mich nicht allein auf den Weg mache, sondern wir als Vater und Sohn unterwegs sein werden. Das Aufregungsbarometer jedenfalls schlägt heute an unserem Vorabflugstag ganz oben an. Ist an alles gedacht, reichen die Klamotten, wird das Wetter passen, werden wir uns immer motivieren können zum Weitergehen...?
in jedem Fall wartet da ein riesengroßes und schon vorab strahlendes Abenteuer auf uns.
Morgen früh, um kurz nach sieben, fährt unser Zug nach Köln. Von dort geht es mit dem Flieger nach Porto und dann gleich weiter nach Villa do Conde. Und dann sind wir mittendrin. Oder drauf - auf unserem Seg, unserem Caminho.

Freitag, 30. Juni 2017

von Japan nach Schottland zum Pilgern

Nach vielen Jahren am Sommerstrand sollte es in diesem Jahr etwas anderes sein. "Lass uns doch wandern gehen. Irgendwo.", das waren die Worte meines vierzehnjährigen Sohnes, nachdem ich ihn irgendwann zu Jahresbeginn zu unseren Urlaubsplanungen befragt hatte.
Nach einem kurzen Moment des Überraschtseins kamen einige Wochen voller Fantasien dazu, wo man gut wandern gehen könnte
Die schottischen Highlands klangen toll - bis ein Familienmitglied mit dem Aufkündigen der Freundschaft drohte, sollten wir anders als mit ihr zusammen nach Schottland gehen. Japan kam als nächstes. Mithilfe eines Flugplans und der Kostenschätzung konnte dieses Giel abgewendet werden. Also rückten die Alpen näher. Und kurz vor dem Beginn des Organisierens einer Tour durch Oberbayern rief dann recht unerwartet der Caminho Portugues nach uns.