Dienstag, 10. Juli 2018

Zeichen

Die heutige Etappe - 28km bei zwischendurch 32 Grad - schien uns von vornherein als in Komplettbesetzung unschaffbar. Also sollten Elli und Django sie komplett zu laufen versuchen. Milla und ich wollten anfangs gänzlich auslassen und den Bus nehmen. Gestern Abend beschlossen wir dann, zumindest den Beginn mit zu laufen und irgendwo zwischendrin, im Outdoor-Reiseführer stand etwas von einer Bar nach 17km, in ein Taxi umzusteigen. Gekommen ist es ganz anders. Und es fühlt sich so an, als haben am wenigsten wir damit zu .

Der Wecker klingelte bereits um sechs. In unserer Pension - einer Plattenbauwohnung am Stadtzentrum von Betanzos - übernachteten noch neun andere Pilger. Um früh starten zu können galt es, vor ihnen durch das einzige Bad der Pension gekommen zu sein. Das haben wir geschafft. Und nachdem die Sachen gepackt waren und Milla sich noch ihr "Ola, bella Chica!" abgeholt hatte, machten wir uns auf den gemeinsamen Weg. Der Camino empfing uns freundlich mit der notwendigen Morgenkühle für den ersten Anstieg direkt nach dem Start. Zweihundert Höhenmeter auf 1,8km klingt nicht viel. Ist es aber. Spätestens mit Rucksäcken, Croozer und Baby. Aber wir schafften es dank der morgendlichen Motivation. Ein wenig skeptisch beobachteten wir die Autos, die so früh die abgelegene Straße herauf fuhren. Pilgergepäckdienste sind hier keine Seltenheit.
Natürlich macht es da stolz, wenn man alles selbst zu tragen schafft!
Durch sehr schöne Landschaften ging es bergan und bergab. Nur ein längerer Abschnitt führte uns wieder an einer Straße entlang und der Camino ließ uns länger als in den Tagen davor im Unklaren, ob wir noch richtig sind.
Als die Kräfte das erste mal zu schwinden drohten, tauchte aus dem Nichts eine kleine Dorfraststätte auf. Und davor saßen auch noch ausgerechnet jene Pilgerfreunde, die uns gestern im Waschsalon so lieb halfen. Es gab ein sehr freudiges "Hallo!", das sich später wiederholte, als noch andere uns von den letzten Tagen bekannte Pilger eintrafen. Irgendwann waren lachend und grüßend dann auch die Pensionsnachbarn da.
Milla hielt es in Trage und Wagen gut aus, so dass wir beschlossen, gemeinsam weiter zu laufen. Nach 7km lud uns eine Casa am Wegesrand zum Verweilen und Mittagessen ein. Wir trafen hier Andrea und ihre Freundin, bekannte Gesichter vom ersten Tag an, und verbrachten Mittagszeit und Essen bei einem sehr schönen Gespräch

Die Wirtin war ganz entzückt von Milla. "Bambina, Bambina!" Ob wir denn mit ihr auf dem Weg wären, wollte sie wissen, und war von der Antwort ganz angetan. Für unsere Kleine gab es Saft und Kekse umsonst. Wir machten uns über das Pilgermenü her.
Noch höchstens 5km sollten es bis zur nächsten Casa sein, von wo aus man ein Taxi rufen lassen könnte. Die wollten wir noch schaffen. Auf den dann folgenden Aufstieg wollten Milla und ich verzichten.
Nach einer Weile standen wir vor einem recht steilen Wegabschnitt. Die Casa hatten wir noch nicht gesehen. Irgendwo da oben musste sie sein! Oder noch ein Stück weiter? Gleich hinter der Bergkuppe bestimmt! Und dann doch nicht...
Stück für Stück kam das Gefühl auf, dass wir gerade auf jener steilen Steigung sein müssten. Und mit diesem Gefühl einher ging eine sehr warme Freude und ein Hoffen, dass wir es schaffen könnten. Gemeinsam als Familie jeden einzelnen Meter dieser längsten und schwierigsten Etappe des Camino Ingles zu Fuß!
Milla kuschelte sich in der Trage an meinen Rücken, zwischendurch ging der Blick immer wieder zu Mama und Bruder. Und dann wieder ankuscheln. Als wollte sie mir flüstern: "Papa, wir schaffen das!"
Und wir haben es geschafft! Auch die letzten Kilometer. Überglücklich am Ziel und mit der Gewissheit, dass es kein Zufall gewesen sein kann, die Casa nicht zu finden.


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